„Als Kind glaubt man, dass die Eltern ewig leben“

Sie hielten Händchen bei der Chemotherapie: US-Fotografin Nancy Borowick hat dokumentiert, wie erst ihre Mutter und dann auch ihr Vater an Krebs erkrankten – und schließlich starben

Als bei ihren Eltern fast zur gleichen Zeit Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde, fasste die US-Fotojournalistin Nancy Borowick einen Entschluss. Sie nahm ihre Kamera und hielt das Leben und das Sterben ihrer Familie fest.
Sie fotografierte, wie sich ihre Eltern gegenseitig bei der Chemotherapie unterstützten, wie sie sich gegenseitig Hoffnung gaben, die Lust aufs Leben teilten und immer mehr zu einer Gemeinschaft, einer Symbiose wurden – voller Mitgefühl und Verständnis füreinander.


„Das Projekt dokumentiert die Liebe und das Leben im Angesicht des Todes“, sagt die Fotografin Nancy Borowick über ihre Krebs-Fotoserie mit ihren Eltern

Im Jahr 2013 verstarb ihr Vater, 364 Tage später ihre Mutter. Ihre Eltern waren 34 Jahre miteinander verheiratet. „Wie die meisten Kinder glaubte auch ich, dass meine Eltern ewig leben würden. Die Tatsache, dass das nicht so sein würde, war schrecklich. Aber gleichzeitig war ich sehr glücklich, für die intensive Zeit, die wir miteinander hatten“, sagte die Fotografin Nancy Borowick. Mit ihrer Arbeit spiegelt die Künstlerin eine Situation, die viele von uns erlebt haben als Betroffener, im Familien- oder Freundeskreis.

Im BILD-Interview erklärt die Fotografin, warum sie sich zu dieser Arbeit entschlossen hat und wie es sich für sie angefühlt hat, ihren Eltern beim Sterben zuzusehen.
Wie hält man das als Kind emotional aus, wenn man weiß, dass das Ende der geliebten Menschen naht?
Nancy Borowick: „Als Kind glaubt man, dass die Eltern ewig leben werden. Wir alle waren uns jedoch in dieser Situation darüber bewusst, dass die gemeinsame Zeit sehr endlich sein würde. Daher haben wir versucht, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Ich konnte die Situation recht gut bewältigen, weil ich mich sehr auf meine Kamera, meine Bilder konzentrierte. Die Kamera gab mir ein wenig Abstand.“

Wie sind die Eltern mit der Situation umgegangen? Wie hat sich ihre Beziehung durch die Krankheit verändert?
Borowick: „Meine Eltern haben sich in den letzten Monaten ihres Lebens fürs Leben entschieden – anstatt Angst vor dem Tod zu haben und sich zu verstecken. Ich glaube, dass die Bindung meiner Eltern durch die Krankheit stärker wurde. Sie unterstützten sich gemeinsam bei der Chemotherapie. Sie konnten einander verstehen, unterstützen, wussten genau, was der andere fühlt. Meine Eltern hatten einander – und das war ein großes Geschenk.“

Wie standen die beiden zueinander?
Borowick: „Mein Vater bewunderte meine Mutter sehr für ihre Stärke. Sie definierte sich nicht über die Krankheit, sondern sah es mehr als Punkt auf ihrer To-do-Liste. Meine Mutter respektierte und liebte meinen Vater und verstand, dass er Frieden in dieser Realität fand.“

Hatten die beiden Angst vor dem Tod?
Borowick: „Nein, ich denke nicht, dass meine Eltern Angst vor dem Tod hatten. Ich denke, ihre größte Sorge war, dass sie die verlassen mussten, die sie über alles in der Welt liebten – ihre drei Kinder.“

Was wollen Sie als Künstlerin mit Ihren Bildern vermitteln?
Borowick: „Ich begleitete meine Eltern, weil wir alle realisierten, dass die Zeit sehr begrenzt sein würde. Ich hatte zunächst nicht vor, die Fotografien mit der Öffentlichkeit zu teilen. Es war vielmehr eine Art Tagebuch für mich. Ich denke, dass ich mit den Fotografien meiner Eltern auch zeigen will, dass es Leben und Freude im Angesicht des Todes und der Krankheit geben kann. Man sollte sich daran erinnern und realisieren, dass das Leben endlich ist. Ich hoffe, dass die Menschen durch meine Bilder inspiriert werden und das Leben wertschätzen und ihre Zeit nutzen.“

Muss man erst geliebte Menschen verlieren, um zu verstehen, wie endlich das Leben ist?
Borowick: „Nein, ich denke nicht, dass man erst geliebte Menschen verlieren muss, um die Zerbrechlichkeit des Lebens zu erkennen. Eine Erkenntnis, die ich jetzt kenne und verstehe.“

Quelle:http://www.bild.de

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