Die verschollene Stadt der Khmer – Auf den Spuren von Mahendraparvata

Eine Tempelruine auf dem Phnom Kulen - dem Plateau, auf dem einst die sagenhafte Stadt Mahendraparvata lag.

Eine Tempelruine auf dem Phnom Kulen – dem Plateau, auf dem einst die sagenhafte Stadt Mahendraparvata lag.

Jahrhundertelang galt sie als verschollen – und vielleicht sogar als bloßer Mythos. Doch jetzt haben Archäologen sie aufgespürt: Mahendraparvata, die legendäre erste Hauptstadt des Khmerreiches. Verborgen unter dichtem Dschungel enthüllten erst Laserscans die Existenz und enorme Größe dieser 1.200 Jahre alten Stadt.

Das Reich der Khmer dominierte jahrhundertelang weite Teile Südostasiens. Vom 9. bis zum 15. Jahrhundert herrschten ihre Könige über das Gebiet vom Golf von Thailand bis ins heutige Laos und Nordvietnam. Heute zeugen die einzigartigen Tempelstädte von Angkor von der Größe und dem Reichtum dieser untergegangenen Kultur. Millionen Menschen aus aller Welt besuchen jedes Jahr diese Überreste des alten Khmerreiches.

Doch seinen Anfang nahm das Reich der Khmer woanders: in der auf einem heiligen Berg erbauten Stadt Mahendraparvata. Dort soll, so berichten es Inschriften, der erste König der Khmer das Reich begründet haben. Wo diese Stadt jedoch lag, blieb Jahrhunderte lang unbekannt. Erst vor einigen Jahren spürten Archäologen die verlorene Hauptstadt der Khmer wieder auf – mit Hilfe von modernster Lasertechnologie.

Der heilige Berg
Phnom Kulens bewegte Geschichte

Wohl kaum irgendwo in Kambodscha liegen Himmel und Hölle so nahe beieinander wie in Phnom Kulen. Denn dieses Hügelgebiet beherbergte in seiner Vergangenheit sowohl Massenmörder als auch Gottkönige. Und nicht nur das: Erst vor Kurzem entpuppte sich Phnom Kulen als die sagenumwobene Geburtsstätte des Khmerreiches.

Regenwald, Wasserfälle und unwegsames Gelände: Viele Bereiche des Phnom Kulen sind kaum zugänglich.

Regenwald, Wasserfälle und unwegsames Gelände: Viele Bereiche des Phnom Kulen sind kaum zugänglich.

Auf den ersten Blick sieht man dem gebirgigen Plateau seine bewegte Geschichte nicht an: Dichter Regenwald bedeckt Teile dieses wie eine Senke geformten Plateaus. Nur wenige Wege und eine Handvoll Dörfer gibt es in diesem Dschungel. Der Rest von Phnom Kulen ist inzwischen gerodet und von Cashew-Plantagen und Feldern bedeckt. Obwohl Phnom Kulen nur rund 40 Kilometer von Angkor Wat entfernt liegt, könnte der Kontrast zum dortigen Touristenrummel kaum größer sein.

Bastion der Massenmörder
Genau diese Unwegsamkeit machte Phnom Kulen im Jahr 1979 zu einem idealen Rückzugsort für eine der brutalsten Guerillabewegungen Asiens: die Roten Khmer. Diese kommunistisch-nationale Gruppierung ergriff in den Nachwehen des Vietnamkrieges die Macht in Kambodscha. Unter ihrem Anführer Pol Pot führten die Roten Khmer jahrelang mörderische Säuberungsaktionen in der Bevölkerung durch und vertrieben die Menschen mit Gewalt aus den Städten. Schätzungen nach könnten dabei bis zu zwei Millionen Menschen gestorben sein.

Pol Pot und seine Roten Khmer zogen sich auf den Phnom Kulen zurück - und verminten dort viele Areale.

Pol Pot und seine Roten Khmer zogen sich auf den Phnom Kulen zurück – und verminten dort viele Areale.

Als 1979 vietnamesische Truppen nach Kambodscha einmarschierten und Pol Pot stürzten, gingen die Roten Khmer in den Untergrund – und wählten den Phnom Kulen als ihre Bastion. Im unwegsamen Dschungel versteckt und durch hunderte von überall vergrabenen Landminen geschützt, wehrten die Roten Khmer über Jahre jeden Angriff ab. Erst im Jahr 1998 starb Pol Pot und die restlichen Kämpfer ergaben sich.

Die lange Besatzung von Phnom Kulen durch die Roten Khmer hinterließ eine traumatisierte Bevölkerung und ein wahres Minenfeld an Sprengfallen. Das Dschungelplateau blieb daher zunächst kaum besucht und erforscht.

In den Stein geritzte Figuren der Götter Vishnu und Lakshmi am Fluss Kbal Spean

In den Stein geritzte Figuren der Götter Vishnu und Lakshmi am Fluss Kbal Spean

…und Ort der Götter
Doch Phnom Kulen hat auch eine andere Seite: Schon seit Jahrhunderten gilt diese Bergregion für Hindus und Buddhisten als heilig. Am und im Fluss Kbal Spean zeugen davon hunderte in den Stein gemeißelte Reliefs. Sie zeigen hinduistische Götterfiguren, Tiere und religiöse Symbole, aber auch Inschriften treten bei Niedrigwasser zutage. Skulpturen der Hindugötter Vishnu und Shiva stehen entlang der Flussufer.

Das Ziel vieler buddhistischer Pilger ist dagegen das Kloster Preah Ang Thom. In ihm ragt eine riesenhafte liegende Buddhastatue über den Mönchen und Pilgern empor – die größte Kambodschas.

Noch viel wichtiger und geheimnisvoller aber ist Phnom Kulens Verbindung zu den Wurzeln des alten Khmerreiches…

Die Entdeckung
Laser-Fahndung im Regenwald

Den Überlieferungen der Khmer nach hat Phnom Kulen, das heute eher unwegsame Dschungelplateau, eine glorreiche Vergangenheit. Denn in dieser Bergregion soll der Gründer des Khmerreiches, König Jayavarman II, einst seine erste Hauptstadt erbaut haben – Mahendraparvata. Im Jahr 802, so berichten es Inschriften auf Tempeln in Angkor, weihte der König die Stadt in einem feierlichen Ritual ein und wurde gleichzeitig zum gottgleichen “Herrscher der Welt”.

Wie Jayavarman II. aussah, weiß man nicht. Dies ist eine Büste seines Nachfahren Jayavarman VII.

Wie Jayavarman II. aussah, weiß man nicht. Dies ist eine Büste seines Nachfahren Jayavarman VII.

Existiert Mahendraparvata?
Jayavarman II hatte zuvor konkurrierende Fürsten durch lange Kämpfe besiegt und gründet nun unter seiner Herrschaft ein neues Reich. Seine auf dem heiligen Berg liegende Hauptstadt Mahendraparvata mit ihren prächtigen Tempeln demonstrierte die Macht des Gottkönigs -so jedenfalls berichten es Inschriften.

Doch ob das sagenumwobene Mahendraparvata tatsächlich in Phnom Kulen lag – und ob es sie überhaupt gegeben hat, blieb bis vor Kurzem ein Rätsel. Zwar hatten Archäologen bereits in den 1960er Jahren einige Tempelruinen im Regenwald entdeckt. Aber konnte sich dabei wirklich um die Überreste der prachtvollen Khmerhauptstadt handeln? Mit der Besetzung des Plateaus durch die Roten Khmer wurden weitere Untersuchungen unmöglich, so dass die Frage unbeantwortet blieb.

Beim Vermessen der Topografie mittels Lidar tastet ein Laserstrahl den Untergrund ab.

Beim Vermessen der Topografie mittels Lidar tastet ein Laserstrahl den Untergrund ab.

Lidar durchleuchtet den Dschungel
Bis zum Jahr 2012. Zum ersten Mal nutzte ein Archäologenteam eine neue Methode, um nach Ruinen in unwegsamen Gelände zu suchen: Light detection and ranging, kurz Lidar. Bei dieser Methode wird die Landschaft vom Helikopter oder Flugzeug aus mit einem Laser abgetastet. Die reflektierten Strahlen werden eingefangen und ergeben ähnlich wie ein Sonar ein Abbild des Terrains und seiner Erhebungen. Der große Vorteil: Selbst Waldgebiete kann das Lidar durchleuchten, weil dem Laserstrahl selbst kleinste Lücken im Laubdach reichen.

“In Mittelamerika haben Lidar-Messungen die Archäologie revolutioniert und bereits ausgedehnte Siedlungsstrukturen auch zwischen den bekannten Tempelstädten der Maya aufgedeckt”, erklärt Projektleiter Damien Evans von der University of Sydney. In Asien allerdings wurde das Lidar zuvor noch nicht eingesetzt – die Forscher betraten hier echtes Neuland.

Ein Teil des Phnom Kulen im sichtbaren Licht (oben) und in den Lidar-Daten. Klar sind regelmäßige Erhebungen zu erkennen.

Ein Teil des Phnom Kulen im sichtbaren Licht (oben) und in den Lidar-Daten. Klar sind regelmäßige Erhebungen zu erkennen.

“Geisterhafte Stadtlandschaft”
Als die Archäologen die Laserscans aus Phnom Kulen auswerteten, trauten sie ihren Augen kaum: Dort, wo mit bloßem Auge nur Dschungel zu sehen ist, traten plötzlich die geisterhaften Spuren einer ganzen Stadtlandschaft zutage. Die Aufnahmen enthüllten Relikte von breiten Landstraßen, ganze Reihen von Tempeln und Gebäudeblöcken, aber auch Reste von Dämmen, Gärten, Zisternen und Bewässerungsanlagen.

Damit war klar: Auf dem Phnom Kulen lag einst eine ganze Stadt. “Wir haben zwar vermutet und gehofft, dass sich unter dem Wald eine Stadt verbergen könnte”, sagt Evans. “Aber dann die gesamte Struktur mit solcher Klarheit und Präzision enthüllt zu sehen, war einfach erstaunlich.”

Und noch etwas enthüllten die Lidar-Aufnahmen: Die Gebäude und Straßen konzentrierten sich um eine besonders große Struktur: ein gewaltiges Areal, das von einem ganzen Netzwerk von Erddämmen umgeben war. Die Form und Größe dieser der Anlage ließ die die Archäologen nur einen Schluss zu: Es musste sich um Mahendraparvata handeln, die so lange verschollene erste Hauptstadt des Khmerreiches.

Masterplan für Angkor
Die Baukunst von Mahendraparvata

Inzwischen ist klar: Die sagenumwobene Hauptstadt des großen Khmerreiches lag auf dem Phnom Kulen. Schon rund 300 Jahre vor der Gründung Angkors legten die Khmer hier die Grundlagen für die Baukunst und Technologien, die später die Tempelstädte in der Ebene so berühmt machen sollten. Wie Mahendraparvata im 9. Jahrhundert aussah und welches Ausmaß diese Stadt erreichte, haben Archäologen erst im Laufe der letzten Jahre nach und nach aufgedeckt.

Die Lidar-Vermessungen enthüllen eine große Stadtanlage auf dem Phnom Kulen.

Die Lidar-Vermessungen enthüllen eine große Stadtanlage auf dem Phnom Kulen.

“Wir hatten schon vermutet, dass die Kampagne von 2012 nur einen Ausschnitt von einem noch viel ausgedehnteren urbanen Netzwerk auf Phnom Kulen erfasst hat”, berichtet Damien Evans. Neue Lidar-Messungen im Jahr 2015 bestätigte diese Verdacht. “Die Daten zeigen, dass die archäologischen Relikte weit über die zuvor entdeckten Grenzen hinausgehen”, so der Archäologe. “Wir haben nun Beweise dafür, dass sich die Stadtlandschaft über mindestens 40 bis 50 Quadratkilometer erstreckte.”

Eine “hydraulische Stadt”
Die Laserscans zeigen auch, wie fortgeschritten schon damals die Infrastruktur und vor allem die Wasserbaukunst der Khmer war: Schon in Mahendraparvata konstruierten sie ein raffiniertes System von Dämmen, Zisternen und Kanälen, durch die das Wasser in der gesamten Stadt verteilt wurde. Die in der Regenzeit gefüllten Wasserspeicher sorgten dafür, dass Stadt und umliegende Felder mit einem konstanten Wasserstrom versorgt wurden.

Die Archäologen sehen in Mahendraparvata eine echte “hydraulische Stadt” – und einen Masterplan, der später in Angkor eine zweite Blüte erlebte. “Sowohl im nordöstlich gelegenen Koh Ker als auch in Phnom Kulen gibt es Hinweise darauf, dass es dort schon hydraulische Bauwerke im Umfang und Stil von Angkor gab”, berichten Evans und seine Kollegen. Das zeige, dass nicht nur die späteren Khmer-Großstädte im Flachland von der Bewässerungstechnologie abhängig waren, sondern auch schon ihre erste Hauptstadt im Hochland.

Die Laserdaten enthüllen zwei gewaltige Dämme auf dem Phnom Kulen, die ein großes Reservoir einschlossen.

Die Laserdaten enthüllen zwei gewaltige Dämme auf dem Phnom Kulen, die ein großes Reservoir einschlossen.

Dämme und Mega-Steinbrüche
Besonders beeindruckend sind zwei riesige Dämme in der zentralen Senke des Phnom Kulen-Plateaus. Der größere Damm ist einen Kilometer lang, 60 Meter breit und bis zu zwölf Meter hoch. Im rechten Winkel dazu steht der etwas kleinere Damm mit 280 Metern Länge und bis zu 3,60 Metern Höhe. Beide schließen ein großes Wasserreservoir ein, ein sogenanntes Baray. Dieses riesige Reservoir wurde Mitte des achten Jahrhunderts geflutet und mindestens 400 Jahre lang genutzt wurde, wie Sedimentanalysen ergaben.

Bis heute sichtbar sind zudem die großen Steinbrüche, die sich um den gesamten Rand des Phnom Kulen ziehen. Der hier abgebaute Sandstein lieferte vermutlich nicht nur Baumaterial für Mahendraparvata, sondern vor allem für die später errichtete Megacity im Tiefland – Angkor. “Unsere Daten zeigen, dass das gesamte Gebiet zwischen Beng Mealea und Phnom Kulen ein einziger großer Steinbruch von rund 500 Hektar Größe war”, berichtet Evans. “Es scheint klar, dass dies die Hauptquelle für das Baumaterial der Tempel von Angkor war.”

Viele Rätsel bleiben
Spiralen, Dome und der Niedergang

Auch wenn der Standort des legendären Mahendraparvata nun bekannt ist – die alte Khmer-Hauptstadt birgt noch viele Rätsel. Bisher haben Archäologen nicht einmal einen Bruchteil der per Laser entdeckten Relikte vor Ort untersucht oder überhaupt gefunden.

Hinzu kommt, dass auf Phnom Kulen – ähnlich wie in Angkor auch – nur Bauwerke aus Erde oder Stein noch als Ruinen sichtbar sind. Die große Mehrheit der Stadtbewohner lebte damals jedoch in Häusern aus Holz, Lehm und Stroh. Von diesen vergänglichen Bauten sind heute nicht einmal mehr Spuren erhalten geblieben. Wie die einfache Bevölkerung im Khmerreich lebte und wie ihr Alltag aussah, liegt daher noch im Dunkeln.

Rätselhafte geometrische Muster oder Spiralen finden sich auf dem Phnom Kulen, aber auch in Angkor.

Rätselhafte geometrische Muster oder Spiralen finden sich auf dem Phnom Kulen, aber auch in Angkor.

Mysteriöse Dome und Spiralen
Ebenfalls rätselhaft sind auch einige ‘Strukturen, die die Archäologen bei ihren Lidar-Scans entdeckten. Immer wieder enthüllten die Aufnahmen regelmäßige Reihen von runden Erhebungen, die sich wie ein großes Gitternetz durch Phnom Kulen ziehen. Auch aus Angkor sind solche “Dome fields” bekannt, wie Evans berichtet.

Doch welchem Zweck diese Bauten einst dienten, ist unbekannt. Gräber scheinen es nicht zu sein, denn Ausgrabungen in einigen dieser Erhebungen förderten keine menschlichen Relikte oder sonstige menschengemachten Objekte zutage. “Diese Gebilde gehören daher noch immer zu den rätselhaftesten Eigenheiten der Khmer-Archäologie”, sagt der Archäologe.

Ähnlich mysteriös sind geometrische Muster aus Erdwällen, die die Archäologen sowohl in Angkor als auch in Phnom Kulen entdeckten. “Sie werden manchmal auch als Spiralen, Geoglyphen oder Gärten beschrieben”, berichtet Evans. “Und sie scheinen häufig nahe an Teichen oder Reservoiren zu liegen.” Doch auch bei ihnen ist unklar, wozu sie einst dienten und welche Bedeutung sie für die Khmer hatten.

Die Überreste von Mahendraparvata sind weiterhin unter dem dichten Regenwald von Phnom Kulen verborgen.

Die Überreste von Mahendraparvata sind weiterhin unter dem dichten Regenwald von Phnom Kulen verborgen.

Das Ende der alten Königsstadt
Klar scheint dafür inzwischen, wie Mahendraparvata endete: Die Stadt grub sich buchstäblich ihre eigenen Lebensgrundlagen ab – ähnlich wie fast 600 Jahre später Angkor. Analysen von Sediment- und Pollenproben belegen, dass die gesamte Umwelt auf dem Phnom Kulen damals stark beeinflusst und verändert wurde. Die Archäologen entdeckten Hinweise auf alte Rodungen und eine ausgeprägte Bodenerosion. Dies deutet darauf hin, dass die Bewohner der Stadt eine intensive und wenig nachhaltige Landwirtschaft betrieben – ähnlich wie später in Angkor.

Die Forscher vermuten daher, dass die Khmer-Hauptstadt ihre Bevölkerung spätesten Ende des elften Jahrhunderts nicht mehr ausreichend mit Nahrung und Wasser versorgen konnte. Immer mehr Menschen wanderten ab, bis schließlich auch die Khmer-Herrscher die Stadt aufgaben – nach immerhin gut 250 Jahren. Sie zogen in die neue Stadtlandschaft in der Ebene um – nach Angkor.

Quelle: Scinexx.de

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