Home | Wissen | Mensch | Wenn Mütter töten: Studie zu Neonatizid in der Schweiz Wenn Mütter töten: Studie zu Neonatizid in der Schweiz

Ein Forschungsteam der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit untersuchte erstmals in der Schweiz die Kindstötung in den ersten 24 Stunden nach der Geburt, den sogenannten Neonatizid. Dafür wertete es Strafprozessakten aus zwölf Kantonen der Jahre 1980 bis 2010 aus und befragte 374 Personen, darunter 151 Fachpersonen. Das Resultat: Viele Neugeborenentötungen sind die Folge einer verheimlichten oder verdrängten Schwangerschaft. Überraschend dabei ist, dass sich das Umfeld der betroffenen Frauen oft blind für deren Konflikt zu zeigen scheint.

Die Tötung von Neugeborenen ist ein Tabuthema, die Dunkelziffer hoch. Die Studie der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit ist die erste Forschungsarbeit zum Neonatizid in der Schweiz. In einem ersten Schritt wurden abgeschlossene Fälle aus zwölf Deutschschweizer Kantonen zwischen 1980 und 2010 analysiert, in denen die Schicksale von 11 Beschuldigten und 11 Opfern verhandelt wurden; drei Fälle konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Meistens waren die Mütter die Täterinnen, in zwei Fällen die Grossmütter, was ungewöhnlich ist, wenn man den internationalen Forschungsstand berücksichtigt. «Die Aktenanalyse macht deutlich, dass es ‚die typische Täterin‘ nicht gibt», so Projektleiterin Paula Krüger. Neonatizide werden in allen Gesellschaftsschichten begangen, die Frauen sind teilweise alleinstehend, teilweise in einer festen Partnerschaft, sie haben einen unterschiedlichen Bildungshintergrund und sind verschieden alt.

Umfeld akzeptiert fadenscheinige Erklärungen der Schwangeren Die Analyse von Krüger zeigte weiter, dass die Täterinnen die Schwangerschaft in der Regel verheimlichten, zum Teil verdrängten und auch keine Kontrolluntersuchungen vornehmen liessen.  Das ist für Neonatizide typisch. Bei manchen  Frauen spielte die Angst mit, wegen des Kindes vom Partner verlassen zu werden. Die Kindsmütter wirkten häufig passiv und schienen ihre Bedürfnisse den Wünschen anderer unterzuordnen.  Nach dem emotionalen Ereignis der Geburt fanden sie keinen Weg, ihr Dilemma auf legalem Weg zu lösen, und so töteten sie ihr Neugeborenes, meist, indem sie es nicht versorgten oder erstickten. Geplant waren die Taten meistens nicht; die Frauen befanden sich in einer Ausnahmesituation.  Eine überraschende Erkenntnis der Studie ist, dass das Umfeld der Frauen deren Schwangerschaft oft verkannte. Verwandte und Bekannte gaben sich mit fadenscheinigen Begründungen für eine rasche Gewichtszunahme zufrieden. «Erklärte die spätere Täterin, es handle sich dabei um die Nebenwirkung von Medikamenten oder eine Krankheit, schien das Umfeld dies bereitwillig zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen. Der Konflikt, in dem sich die Frau befand, blieb deshalb unerkannt, und sie bekam keine Hilfe», führt Krüger aus.

Studie widerlegt prominente Vorurteile In einem zweiten Schritt befragten die Wissenschaftler 374 Personen, darunter 151 Fachpersonen wie Ärzte oder Sozialarbeitende. Ein Ziel war herauszufinden, was diese und die Bevölkerung über Neonatizide wirklich wissen und wo ein Bild gemalt wird, das nicht der Realität entspricht.  «Interessant ist, dass sich die Vorurteile in beiden Gruppen ähnelten, sie bei den Experten allerdings viel weniger ausgeprägt waren als bei den Laien», erläutert Krüger. So vermuteten beide Gruppen, dass eine Wochenbettdepression oder eine Wochenbettpsychose als Erklärung für diese Taten in Frage kämen; die untersuchten Fälle widersprechen dem. «Insbesondere ein Zusammenhang mit der Wochenbettpsychose lässt sich ausschliessen, denn diese tritt in der Regel nicht innert der ersten 24 Stunden, sondern erst später nach der Geburt auf», so Krüger.

Darüber hinaus sind es auch nicht mehrheitlich Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die ihr Neugeborenes töten, wie dies besonders aus Kommentaren der befragten Bevölkerung hervorging. Sowohl die befragten Fachpersonen als auch die befragte Bevölkerung hielten Babyklappen und die anonyme Geburt für geeignete Präventionsmassnahmen. Für die Fälle, die an die Öffentlichkeit kamen, glaubt Paula Krüger dies jedoch nicht. «Dafür müssten die Frauen von sich aus aktiv wer- den, sich also eingestehen, dass sie demnächst ein Kind zur Welt bringen, und sich damit auseinandersetzen.» Die untersuchten Fälle zeigten als Grundmuster aber ein Unvermögen, sich konstruktiv mit diesen Themen zu befassen. Als beste Prävention für Neonatizide  erachtet die Wissenschaftlerin  deshalb eine stärkere Sensibilisierung für das Thema. Diese soll nicht nur betroffene Frauen erreichen, sondern die breite Bevölkerung, damit in Zukunft das nähere Umfeld rechtzeitig reagieren und Unterstützung anbieten kann.

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