Tierhaltung in Zoos: Artenschutz oder Tierquälerei?

Ob angeblich gequälte Elefanten oder unter Psychopharmaka gesetzte Delphine: Zoos haben in der Vergangenheit immer wieder negative Schlagzeilen gemacht. Ungeachtet der Frage, was an solchen Vorwürfen dran ist, befeuern sie jedes Mal eine alte Diskussion: Wie sinnvoll ist es, wilde Tiere in Gefangenschaft zu halten?

Sibirischer Tiger

Besonders Bären und Großkatzen leiden häufig in Gefangenschaft und entwickeln auch für Laien erkennbare Verhaltensauffälligkeiten.

Es ist ein harter Angriff: Die Tierrechtsorganisation Peta wirft dem Zoo Hannover vor, seine Elefanten mit sogenannten Elefantenhaken zu misshandeln. Im April hat sie Strafanzeige wegen Tierquälerei erstattet. Der Zoo aber weist die Beschuldigungen von sich. Die Elefanten würden mit dem Haken lediglich geführt – das Training diene dazu, die Dickhäuter auf medizinische Untersuchungen vorzubereiten. “Wir sind ein Zoo der Tierschutz liebt und lebt”, sagte Geschäftsleiter Andreas Casdorff in einer Stellungnahme.Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine zoologische Einrichtung den Vorwurf der Tierquälerei gefallen lassen muss – und es ist auch nicht das erste Mal, dass eine solche Geschichte unabhängig von der Haltbarkeit der eigentlichen Vorwürfe in der Öffentlichkeit eine Grundsatzdiskussion lostritt: Ist es sinnvoll, wilde Tiere in Gefangenschaft zu halten? Während Befürworter die Rolle der Zoos für die Bildung und den Artenschutz betonen, kritisieren Gegner die unnatürliche Haltung der Tiere. Das sind ihre Argumente zu den drei wichtigsten Themen.

Gondwanaland - Tropenhalle des Leipziger Zoos

Weit genug? Diese Tropenhalle hat mit den Käfigen der frühen Zoos nicht mehr viel gemein – die freie Wildbahn ersetzt sie aber nicht.

Artgerechte Haltung

Deutschland gehört zu den Ländern mit den meisten Zoos. Rund 850 klassische Zoologische Gärten, Aquarien, Vogelparks, Wildtiergehege und Reptilienhäuser verteilen sich über die Bundesrepublik. Die meisten dieser Einrichtungen bemühen sich heutzutage, ihre Tiere artgerecht unterzubringen. Aber klappt das auch? Tierrechtsorganisationen wie Peta glauben nicht daran. Für sie sind Zoos nichts anderes als Gefängnisse.

Ihr Argument: Kein noch so großes und mit Bedacht geplantes Gehege wird dem natürlichen Lebensraum der Tiere jemals entsprechen können. Peta kritisiert dabei neben der räumlichen Einschränkung vor allem auch die fehlenden Reize: Beutetiere, die gejagt werden können, oder eine Landschaft, die sich verändert. Dass die Tiere unter diesen Bedingungen leiden, sehe man an ihrem Verhalten – sei es, der Elefant, der seltsame Wippbewegungen mit dem Kopf macht, oder der Eisbär, der den ganzen Tag im Kreis läuft.

Der Zoologe Rainer Willmann von der Universität Göttingen hält die Wildtierhaltung in Zoos trotz einiger Defizite für grundsätzlich vertretbar. “Die europäischen Zoos versuchen, den Ansprüchen der Wildtiere sehr gerecht zu werden”, sagte er kürzlich in einem Interview mit NDR.de. Tatsächlich sind die Zeiten, in denen unzählige Tiere in engen Käfigen hinter Gitterstäben eingepfercht wurden, vorbei. Stattdessen setzen Zoos heute auf weniger Arten, denen sie dafür mehr Platz einräumen. Klar ist aber auch den Zoobefürwortern: Die freie Wildbahn können Zoos nie ganz ersetzen.

Spielender Eisbar hinter Sicherheitsglasscheibe

Nach Meinung der Zookritiker bleibt trotz der verbesserten Präsentation wenig Wissen bei den Besuchern hängen.

Lernort Zoo

Dennoch sollen Zoos als Spiegel der Natur fungieren. Besucher sollen wilde Tiere und deren Lebensräume kennenlernen. Auf diese Weise dient der Zoo als Bildungseinrichtung, die Kinder und Erwachsene an komplexe Umwelt- und Artenschutzthemen heranführt. So wird der Eisbär zum Botschafter des Klimaschutzes und Pinguine verdeutlichen die Bedeutung von sauberem Meerwasser. Im Idealfall macht diese Erfahrung die Besucher zu “besseren Menschen” – Menschen, die ihr eigenes Denken und Handeln hinterfragen und sich für den Erhalt des Planeten Erde und seiner Bewohner einsetzen.

In der Theorie klingt das gut. In Wahrheit aber würden sich die meisten Menschen nur ganz wenige Fakten über die Tiere merken, so die Meinung mancher Kritiker. Nach Ansicht von Peta gebe es zudem viele tierfreundlichere Möglichkeiten, etwas über die natürlichen Bedürfnisse und Lebensweisen von Tieren kennenzulernen – zum Beispiel bei einer Entdeckungstour durch die heimische Natur oder durch Dokumentarfilme.

Wisente

Die Wiederansiedlung des Europäischen Wisents in Osteuropa ist eines der Vorzeigeprojekte unter den Auswilderungsprogrammen.

Auftrag Artenschutz

Als ihre zweite wichtige Aufgabe sehen Zoologische Gärten heute den Artenschutz. Mit Zuchtprogrammen wollen sie zum Erhalt bedrohter Tierarten beitragen. Für manche Arten wie den aus Südamerika stammenden Spix-Ara ist der Zoo gar das letzte Refugium. Zoogegner argumentieren jedoch, dass die in Tierparks geborenen und aufgewachsenen Tiere nicht mit ihren in der Wildnis lebenden Artgenossen zu vergleichen sind. Im Zoo verkümmerten ihre Instinkte, zudem käme es als Folge von Inzucht häufig zu Erbkrankheiten und anderen Anomalien. Echter Artenschutz bedeute, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen.

Tatsächlich bemühen sich Zoos im Rahmen ihrer Möglichkeiten genau darum: Sie geben einen Teil ihres jährlichen Budgets für Naturschutzprojekte aus und beteiligen sich an Auswilderungsprogrammen. Zwar können längst nicht alle Tierarten ausgewildert werden. Doch es gibt einige positive Beispiele. Dazu gehört unter anderem der Europäische Wisent. Von ehemals knapp 60 überlebenden Zootieren ist der Bestand mittlerweile auf 3.000 angestiegen. Mehrere hundert besiedeln heute wieder in Freiheit ihre ehemaligen Heimatwälder in Osteuropa.

Für Kritiker ist das allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Peta etwa glaubt: Würden die Subventionen aus städtischen Kassen für die Zoos eingestellt und dieses Geld direkt in Projekte für den Erhalt der natürlichen Lebensräume bedrohter Tierarten gesteckt, könne man viel mehr erreichen. So schreibt die Tierrechtsorganisation auf ihrer Internetseite: “Würden die Zoos beispielsweise sämtliche Tiger-Zuchtprogramme einstellen, könnten mit den eingesparten Mitteln Wildhüter und Ausrüstung in ausreichendem Maß finanziert und die letzten freilebenden Tiger effektiv geschützt werden.”

Quelle: Wissen.de

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