Schweden Recycelt 99% Seiner Abfälle – Doch Das Könnte Für Die Welt Ein Problem Werden

Die Anerkennung der Schwachstellen von Abfall-zu-Energie-Programmen, bevor man sie etwa voreilig als das nächste „Wunder“ im Kampf gegen den Klimawandel lobt, ist von entscheidender Bedeutung für die Umwelt-Debatte.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich Schweden weithin anerkannt zum Weltmarktführer für Nachhaltigkeits- und Recyclingmethoden entwickelt. Seit 2014 sind eine Reihe von Berichten herausgekommen, die behaupten, dass Schweden bis zu 99 Prozent seiner Abfälle recycelt habe. Während die Prämisse dieser Botschaft durchaus bewundernswert klingt, ist indes die Wahrheit hinter der Aussage leider etwas verzerrt.

Das nordische Land mit einer Bevölkerung von etwa 9,6 Millionen Menschen (2013) recycelt 1,5 Milliarden Flaschen und Dosen jährlich. Während der Mission der schwedischen Regierung, die Nachhaltigkeit in den Vordergrund zu stellen, eigentlich weltweit nachgeeifert werden sollte, könnten die weiltweiten Schadstoffemissionen sich jedoch erhöhen, wenn ihre Methoden von anderen Nationen tatsächlich dupliziert würden.

Die Flut von Artikeln über Schwedens unglaubliche Recycling-Bemühungen folgten einem Bericht in der Huffington Post, wonach das Land gar 99 Prozent seiner Abfälle recycelt. Den Berichten zufolge konnte das Land dies durch ein Abfall-zu-Energie-Programm (WTE – „Waste to Energy“) erreichen.

Die Energie aus diesen Fabriken wird durch deas Verarbeiten von Müll in einer Verbrennungsanlage produziert. Das neu erzeugte Gas aus diesem Prozess wird dann verwendet, um Generator-Turbinen zu betreiben, die Strom erzeugen. „Der einzige Brennstoff, den wir verwenden, ist Abfall“, sagt Christian Löwhagen, ein Sprecher für Renova, das örtliche staatliche Energieunternehmen, welches die Anlage betreibt. „Das Verfahren stellt ein Drittel der Wärme für Haushalte in dieser Region zur Verfügung.

 

 

Mittlerweile hat Schweden insgesamt 32 WTE-Werke im ganzen Land. Diese Abfall-zu-Energie-Fabriken heizen etwa 950.000 Haushalte, während sie auch Strom für 260.000 Haushalte quer durchs Land bereitstellen, so heißt es in Statistiken von Avfall Sverige, Schwedens nationaler Abfall-Management-Vereinigung.

Berichte in den Medien wiesen darauf hin, dass die Recyclingmethode in Schweden so wirksam geworden sei, dass das Land gezwungen sei, Abfälle aus den Nachbarländern zu importieren. In Wirklichkeit recycelt Schweden nur 47 Prozent seiner Abfälle, und die restlichen 52 Prozent werden zur Energiegewinnung genutzt.

„Wenn der Müll auf Deponien lagert und Methan-Gas sowie andere Treibhausgasen austreten, ist das offensichtlich nicht gut für die Umwelt“, erklärt die Kommunikationsdirektorin von Svedish Waste Management, Anna-Carin Gripwell in einer Stellungnahme.

Wir haben das Gefühl, dass wir in diesem Bereich verantwortungsbewusst handeln müssen und versuchen, unseren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren“, meint Per Bolund, schwedischer Finanz- und Konsumminister in einem Video für AJ+. „Die Konsumenten zeigen wirklich, dass sie etwas bewegen wollen, und was wir seitens der Regierung versuchen, ist, ihnen dabei zu helfen, zu handeln, so dass es einfacher wird, sich nachhaltig zu verhalten.“

Im Vergleich, Amerikaner recyceln 34 Prozent ihrer entstandenen Abfälle, so die staatliche US-Umweltbehörde EPA. Trotz ihrer Verbreitung sind Abfall-Energie-Programme in Wirklichkeit jedoch keine umweltfreundliche Lösung für die aktuelle Energiekrise.

Laut EPA, zitiert im Online-Magazin Slate, emittieren Abfall-zu-Energie-Anlagen mehr CO2 pro Megawatt als beim Verbrennen von Kohle entstehen. Das Verbrennen von Müll setzt 1.355 Kilogramm CO2 pro Megawattstunde erzeugten Stroms frei. Zum Vergleich, Kohle setzt 1.020 kg / Megawatt Stunde frei, und Erdgas 515 kg / Megawatt Stunde.

Trotz dieses ungünstigen Vergleichs wird das Abfall-zu-Energie-Konzept von vielen als sauberere Alternative zu Kohle betrachtet, da etwa zwei Drittel der CO2-Emissionen wie Biomasse behandelt und als CO2-neutral betrachtet werden.

Die langfristigen Umweltbelange, die mit dieser Methode verbunden sind, konzentrieren sich jedoch nicht nur auf die ungünstige Menge an CO2, die in die Erdatmosphäre freigesetzt wird. Wie in einem von Baum Hugger veröffentlichten Bericht hervorgehoben wurde, könnte die Bequemlichkeit der Abfall-zu-Energie-Programme die Entwicklung des Recyclings im Land stören.

Darüber hinaus, da die Methode eine schnelle und rentable Lösung für die Abfallproblematik bietet, würden viele Materialien, die ein großes Recyclingpotential aufweisen – darunter Papier, Lebensmittel und Holz – stattdessen einfach verbrannt werden.

Während das Abfall-zu-Energie-Programm in Schweden einerseits sicherlich eine revolutionäre und sehr erfolgreiche Abfallentsorgung ist – nur 1 Prozent der Abfälle im Land enden in Deponien – ist es andererseits jedoch auch wichtig, seine zugrunde liegenden Mängel anzuerkennen. Erst wenn wir diese Herausforderungen annehmen, können wir auf die Entwicklung alternativer nachhaltiger Energielösungen mit minimaler CO2-Bilanz hinarbeiten.

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