Sodomie in Hessen: „Sexueller Missbrauch von Tieren bleibt oft unentdeckt“

Seit vier Jahren ist Sex mit Tieren in Deutschland gesetzlich verboten. Ist die Sodomie damit gebannt? Von wegen, sagt die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin im Interview.

Frankfurt/Wiesbaden.  Frau Martin, vor sieben Jahren – im Frühjahr 2010 – haben Sie vor zunehmenden Sodomie-Fällen in Hessen gewarnt. Was war damals los?
Martin: Ab Mitte der 2000er hatten sich immer öfter hessische Tierärzte an uns gewendet, die Sodomie-Fälle festgestellt hatten. Sie konnten aber nichts dagegen unternehmen, weil Sex mit Tieren nicht verboten war. Das war für viele Tierärzte schwer erträglich. Das jetzt geltende Sodomie-Verbot war ein großer Schritt für den Tierschutz und erleichtert die Ahndung.

Grundsätzlich: Kann Sodomie mit dem Tierwohl vereinbar sein?
Martin: Ganz eindeutig: Nein. Schon allein, weil Tiere ihre eigenen, hormonell bedingten Sexualzyklen haben. Eine Hündin zum Beispiel wird zweimal im Jahr für ein paar Tage läufig. An allen anderen Tagen beißt sie einen Rüden rigoros weg. Nun haben Sodomisten aber nicht nur an ein paar Tagen im Jahr Sex mit Tieren, sondern das ganze Jahr hindurch. Das ist schlicht und ergreifend Missbrauch.

Mitte der 2000er häuften sich nicht nur die Sodomie-Fälle, sondern das Thema tauchte auch öfter in der Öffentlichkeit auf.
Martin: Absolut. Eine Zeitlang mussten Sie aufpassen, wenn Sie bei Google „Ein Herz für Tiere“ eingegeben haben. Da kamen die abstoßendsten Sachen. Es gab  Websites, auf denen die Leute sich damit brüsteten, mit ihren Hunden oder Pferden zu schlafen. Und auch die Medien haben das Thema hochgespült: Die Zeitschrift „Neon“ hat damals eine Geschichte gebracht, die den Eindruck erwecken konnte, Sodomie sei eine weitgehend harmlose sexuelle Neigung. Das Thema wurde insgesamt – nun, vielleicht nicht akzeptiert, aber doch toleriert. In dem Zuge wurden die abstrusesten Thesen verbreitet.

Zum Beispiel?
Martin: Was wir immer wieder zu lesen bekommen haben: Den Tieren gefällt das, die haben Spaß daran. Das ist eine Argumentation, die wir genauso aus einer anderen Szene kennen.

Sie spielen auf Pädophilie an.
Martin: Die Argumentationen sind sich sehr ähnlich.

Welche Fälle sind Ihnen damals konkret gemeldet worden?
Martin: Hier in Hessen: Fälle sexuellen Missbrauchs von Hunden, Schafen und Pferden. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem der Täter immer wieder in einen Schafstall einbrach und sich an den Tieren verging. Die Halterin bemerkte eine Veränderung im Verhalten der Schafe – sie wurden ängstlicher und rannten beim bloßen Anblick eines Menschen weg. Daraufhin hängte sie eine Kamera im Stall auf, und damit wurde der Täter schließlich überführt. Das dürfte kein Einzelfall gewesen sein.

Wie groß ist die Dunkelziffer der Sodomie-Fälle in Hessen?
Martin: Ich glaube, sie ist beträchtlich. Wir wissen, dass Kindesmissbrauch oft in der Familie stattfindet. Ich befürchte, dass es mit der Sodomie ähnlich ist – die meisten Fälle ereignen sich in Privathaushalten. Und da haben wir nur sehr begrenzte Möglichkeiten, auch mit dem jetzt geltenden Sodomie-Verbot. Man muss auch ganz deutlich sagen: Die Szene mag nicht mehr so präsent sein wie noch vor ein paar Jahren – aber sie ist nach wie vor aktiv. Die Leute sind ja kürzlich bis vors Bundesverfassungsgericht gezogen.

… wo eine Klage gegen das Sodomie-Verbot 2016 abgewiesen wurde.
Martin: Zum Glück.

Aus den USA sind Fälle bekannt, in denen Sex mit Tieren gewerblich angeboten wurde.
Martin: Ja, die Berichte kenne ich. In Deutschland hat es meines Wissens ein paar Verdachtsfälle gegeben, die sich aber nicht erhärtet haben. Der Gedanke ist aber nicht abwegig: Dass sexuelle Dienstleistungen gewerbsmäßig angeboten werden, ist ja nichts Neues – und es wäre naiv, anzunehmen, dass es solche Einrichtungen nicht auch für Sodomisten gibt.

Auch in Europa soll es Tierbordelle gegeben haben – in Dänemark.
Martin: Ja, davon habe ich gehört. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Aber die Dänen haben jetzt auch nach meinem Kenntnisstand ein striktes Sodomie-Verbot durchgesetzt.

Gibt es Rahmenbedingungen, die den sexuellen Missbrauch von Tieren begünstigen?
Martin: Ich glaube nicht. Man kann da keine Zuordnungen machen. Sodomie gibt’s auf dem Land und in der Stadt, die Täter sind Männer und Frauen. Grundsätzlich muss man ja auch sagen, dass Sex mit Tieren nichts Neues ist. Sodomie gibt es, seit es die Menschheit gibt, genau wie den sexuellen Missbrauch von Kindern. Sie können bei Caesar nachlesen, dass die Schafe, die die römischen Heere auf ihren Feldzügen begleiteten, nicht nur zum Essen da waren.

2013, also vor gut vier Jahren, wurde auf Ihre Initiative hin ein Sodomie-Verbot im Tierschutzgesetz verankert. Was hat sich damit konkret geändert?
Martin: Die praktischen Tierärzte, aber auch die Amtstierärzte können jetzt schneller aktiv werden. Wenn sie einen Verdacht haben, müssen sie nicht erst noch nachweisen, dass das betroffene Tier erheblich und langanhaltend gelitten hat. Sie können eine klinische Untersuchung durchführen oder anordnen. Wird dabei sexueller Missbrauch festgestellt, können Amtstierärzte sofort Maßnahmen einleiten – die reichen dann vom Tierhalteverbot bis zur Strafanzeige.

Das heißt, das Verbot ist wirksam?
Martin: Da bin ich vorsichtig. Einerseits, ja: Die Tierärzte können jetzt schneller einschreiten. Andererseits wissen wir nicht, was hinter geschlossenen Wohnungstüren passiert. Meine Wahrnehmung ist, dass bestimmte Dinge nicht mehr passieren – es kommen mir  zum Beispiel kaum noch Einbrüche in Ställe oder Koppeln zu sexuellem Missbrauch von Tieren zur Kenntnis. Aber was in Privatwohnungen passiert – da bleibt vieles im Verborgenen.

Was sollte ich tun, wenn ich von einem Sodomie-Fall erfahre?
Martin: Da gibt’s nur Eines: sofort zum zuständigen Veterinäramt gehen und Anzeige erstatten.

Frau Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Quelle: Frankfurter Neue Presse

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