WILLKOMMEN IN DER HÖLLE: WAS IN NEPAL MIT FRAUEN PASSIERT, DIE IHRE TAGE BEKOMMEN.

Als ich das erste Mal meine Tage bekam, war ich gerade auf Klassenfahrt: Ich wachte morgens in einer Pfütze aus Blut und Schleimhautresten auf, ohne Notfallplan und mit mörderischen Bauchschmerzen. Und weil Teenager furchtbar liebenswerte Geschöpfe sind, die sehr gut Geheimnisse für sich behalten können, kannte am Abend jeder die Story meiner ersten Menstruation. Und trotz meiner damals grenzenlosen Scham, kann ich rückblickend nur sagen: Ein Glück, dass ich nicht in Nepal aufgewachsen bin. Denn dort hätte man mich nicht nur ausgelacht, sondern mich in einen Kuhstall gesperrt, ohne Nahrung, ohne Kontakt zu irgendjemandem und in der ständigen Gefahr, vergewaltigt zu werden.

„Ich wünschte, ich hätte nie wieder meine Tage!“ Diesen Satz hat wahrscheinlich jede geschlechtsreife Frau auf dieser Welt schon einmal Richtung Himmel gezischt, wenn wieder Erdbeerwoche angesagt ist. Aus dem Mund einer nepalesischen Frau klingt dieses Stoßgebet allerdings wirklich dramatisch. Denn in Nepal werden Frauen, die ihre Tage haben, wie Aussätzige behandelt. Wenn nicht noch schlimmer. Wo sich die westliche Klischeefrau mit einer Wärmflasche auf die Couch verzieht, Netflix guckt und eine Packung Schmerztabletten verdrückt, werden Frauen in Nepal von der Familie verbannt: Und zwar in einen Schuppen hinter dem Haus oder gleich in den Viehstall.

Die frauenverachtende Tradition nennt sich „Chhaupadi“ und ist eigentlich verboten.

Chandra Tiruva (34) und Mangu Bika (14) // Quelle: http://time.com/3811181/chhaupadi-ritual-nepal/ // Poulomi Basu—WaterAid/VII Mentor Program

Vorurteile und Traditionen halten sich in ländlichen Gebieten bekanntlich am hartnäckigsten – das ist auch in Nepal so. Obwohl Chhaupadi seit 2005 illegal ist, glauben die Menschen dort weiterhin, dass die Regelblutung den Zweck hat, den Schmutz aus den Körpern der Frauen zu spülen. Schmutz, der dann alles verseucht (angeblich): Berührt eine „unreine“ Frau einen Mann, wird er krank. Trinkt sie Milch, isst Fleisch, Joghurt oder Butter, verenden die Kühe. Fasst sie einen Baum an, trägt der nie wieder Früchte und wäscht sie sich, versiegt der Brunnen.

„Manchmal wünschte ich, meine Mutter wäre hier und würde mich nach Hause bringen oder mir etwas gegen die Schmerzen geben. Es ist dunkel und es gibt kein Licht. Ich habe riesige Angst, dass jemand kommen könnte…“ – Radha Bishwa Karma (16), Surkhet.

Die „Lösung“: Die Frau wird vom Familienleben ausgeschlossen, darf sich nicht waschen, muss auf dem nackten Boden schlafen und darf außer Brot nichts essen. Viele Mädchen brechen die Schule ab, weil es dort oft keine Toiletten gibt, wo sie ihre Binden wechseln können.

Die Bedingungen werden schnell lebensbedrohlich.

Das allein für sich klingt schon scheiße, richtig übel wird es allerdings, wenn man sich klar macht, dass Chhaupadi auch Frauen nach der Geburt betrifft. Setzt der Wochenfluss ein (und der dauert lange), wandern die frischgebackenen Mütter zurück in ihre Schuppen, bei schlechter Ernährung, katastrophaler Hygiene und mit jeder Menge Ungeziefer. Ein Paradies für Bakterien, ein Albtraum für die Frauen. Und ein Grund, weshalb Nepal bei der Müttersterblichkeit immer wieder oben in den Statistiken auftaucht.

Nicht nur giftige Schlangen bedrohen das Leben der verstoßenen Frauen. Quelle: http://time.com/3811181/chhaupadi-ritual-nepal/ // Poulomi Basu—WaterAid/VII Mentor Program

„Unreine“ Frauen? Egal, wenn man sie vergewaltigen will.

In ihren oft baufälligen, ungesicherten Schuppen, abseits ihrer Familien, sind nepalesische Frauen quasi Freiwild. Schleichen sich nachts gewaltbereite Männer in die Verschläge und beschließen, ihnen Gewalt anzutun, haben die Frauen keine Chance. Denn so pervers es klingt ist: Ihre Vergewaltiger sind offenbar die Einzigen, die auf die Tradition der „Unreinheit“ pfeifen und nicht daran glauben, das menstruierende Frauen dämonische Kräfte besitzen. Fast wünscht man solchen Schweinen, die Frauen könnten sie wirklich durch eine einfache Berührung lebensbedrohlich krank oder impotent machen, damit sie sich nie wieder an jemandem vergehen können.

Man kann Nepals Frauen nur wünschen, dass bald überall ankommt, dass Chhaupadi bereits seit elf Jahren illegal ist. Damit diese frauenverachtende Tradition endlich abgeschafft wird und die Erdbeerwoche keine Horrorwoche mehr ist.

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