Der Mensch zerbröselt den Planeten

Agnieszka Polska gewinnt den Preis der Nationalgalerie. In ihrer Videoinstallation diskutieren die Sonne und der Mond über den Zustand der Erde.

Eines war schon vor der Preisverleihung klar: In beiden Kategorien, die an diesem Abend im Hamburger Bahnhof zu vergeben sind, steht am Ende eine Künstlerin als Siegerin auf der Bühne. Kein Mann, denn die Jurys hatten sowohl für den Förderpreis für Filmkunst als auch für jenen der Freunde der Nationalgalerie insgesamt neun Frauen nominiert. Ein Zufall? Auf jeden Fall ohne Absicht, beeilten sich alle Festredner – darunter Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Schauspielerinnen Iris Berben und Meret Becker – zu versichern. Und weil es ganz schön viele Redner gab, geriet die Beschwörung von „der Auswahl nur nach Qualität, nicht nach Geschlecht“, die jeder irgendwo in seinen Vortrag eingeflochten hatte, bald zum Mantra.
Ein schöner Widerspruch. Was man zu oft für selbstverständlich erklärt, wird dadurch erst recht zum Thema. Es gab Witze, Prognosen („Jahrzehnt der Frauen!“) und Bekenntnisse. Man hätte sich auch einfach locker machen und die Fakten akzeptieren können. Zum Beispiel: Niemand erzählt derzeit besser vom prekären Zustand der Erde als Agnieszka Polska, Gewinnerin des Preises für die bildende Kunst, der mit einer großen Berliner Ausstellung verbunden ist. So sieht es die prominent besetzte Jury mit Museumsdirektoren aus Ljublijana, Rom und New York. Polska, Jahrgang 1985, lässt in ihrer Videoinstallation den Mond und die Sonne darüber reden, was sie auf ihren Reisen durch das All beobachten. Aus extremer Vogelperspektive, aber dennoch nah genug für ihre Diagnose: Der Mensch zerbröselt den Planeten, auf dem er lebt, seine Werkzeuge heißen Gier, Neid, Gefühlsarmut.

Emotionaler Zugriff auf die Konstruktion von Wirklichkeit

„In ihrem scharfsinningen Werk behandelt Polska einige der dringendsten Fragen unserer Zeit“, heißt es zur Begründung. „Ihre Arbeiten gleichen Untersuchungen zu den unterschiedlichen Zeitlichkeiten in unserem Universum, die unsere Vorstellungen von Menschsein und Menschlichkeit in Frage stellen.“ Man habe sich nach einer „intensiven Diskussion“ für die aus Lublin stammende Künstlerin entschieden, erklärte Udo Kittelmann als Chef der Nationalgalerie, zu der auch der Hamburger Bahnhof gehört. Und er erwähnte, dass es im englischen Originaltext der Jury „robust discussion“ geheißen habe. Was ebenso gut „heftig“ bedeuten kann.
Streiten lässt sich etwa über den emotionalen Zugriff, mit dem Polska die Konstruktion von Wirklichkeit verhandelt. Ihre digitalen Animationen bestehen aus Found Footage – Fundbildern aus dem Internet, die sie mit naturwissenschatlichen Theorien oder Utopien historischer Avantgarden mixt. Über allem steht die Frage nach dem Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Polskas Protagonisten sind irreal und doch zutiefst lebendig, sie trauern, weinen, verhalten sich sentimental oder emphatisch. Es gab Zeiten, die mit Kunst von solcher Unverstelltheit nichts anzufangen wusste: Keine Ironie, nichts Doppelbödiges, vielmehr imperfekt und geradezu schmerzhaft poetisch.

Der Filmkunst-Preis geht an die Österreicherin Sandra Wollner

Natürlich lässt sich „What the Sun Has Seen“ (2017) auch anders rezipieren, aber es fällt auf, wie sehr sich die Urteile der Jurys ähneln. Eine zweite kürte die Kandidatin für den mit 10.000 Euro dotierten Förderpreis für Filmkunst. Er geht an die Österreicherin Sandra Wollner, Jahrgang 1983, für ihren Beitrag „Das unmögliche Bild“. Ein „Film über die Wiederholung des Schicksals, das Wiederkehren von Erinnerungen“, heißt es in der Begründung. „Die Art und Weise, wie Inhalte erzählt werden, haben den Anschein einer dokumentierten Vergangenheit, die uns die Erzählerin aus erster Hand nahebringt. Sie zeigt uns Szenen aus ihrem Leben, die von einem Standpunkt jenseits ihrer eigenen Lebenszeit aus betrachtet werden.“ Wollner greift auf der Suche nach einem Über-Erzähler zwar nicht nach der Sonne, verfolgt aber ähnliche Strategien, um wie Polska aus subjektiver Perspektive allgemein gültige Einsichten zu gewinnen. Die Zeit ist reif dafür.

Quelle: tagesspiegel.de

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