FRANKREICH AUF DER BUCHMESSE: Die Exception des Ehrengasts

Welche Rolle spielt die Literatur in der französischen Gesellschaft? Über die Kunst der Konversation, den Klüngel im französischen Buchmarkt und einen Präsidenten, der sein Leben als Bildungsroman erzählt. Ein Kommentar.

In Frankreich gibt es nur drei Ereignisse, die das Leben innerhalb von einer Sekunde verändern können: ein Blitzschlag, ein Herzinfarkt und der Prix Goncourt. Das erste, so sagt man, sei das geheimnisvollste Ereignis, das zweite womöglich tödlich, das dritte aber lasse sich überhaupt nicht einordnen. Zwar beträgt das Preisgeld des bedeutendsten französischen Literaturpreises nur zehn Euro, doch der symbolischen Geste steht ein handfester Realwert gegenüber. Der Preis steigert die Auflage zuverlässig um ein Vielfaches und bringt Gewinne in Millionenhöhe.

Der Goncourt, seit 1903 verliehen, ist nach wie vor ein Emblem der französischen Kultur – und deshalb Anlass auch für jene Franzosen, die eigentlich nie lesen, sich dies Buch zu kaufen. So hat sich der Roman der aktuellen Preisträgerin Leila Slïmani, „Chanson douce“, soeben auf Deutsch unter dem Titel „Dann schlaf auch du“ erschienen, in ihrer Heimat bislang knapp sechshunderttausend Mal verkauft. Das sind Größenordnungen, von denen der Deutsche Buchpreis im Moment nur träumen kann.

Warum aber ist das so? Liegt darin womöglich die vielbeschworene exception française? Spielt die Literatur in unserem Nachbarland, das in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, eine größere Rolle? Lesen die Franzosen am Ende einfach mehr?

Fest steht, dass sich im höfischen Frankreich mit Literatur immer noch Staat machen lässt. Die jährliche Rentrée, wenn die Verlage nach der Sommerpause ihre Neuerscheinungen auf einen Schlag veröffentlichen, ist Tagesgespräch. Ob de Gaulle, Pompidou, Mitterrand oder jetzt Macron – die Präsidenten schmücken sich stets mit der Literatur. Und wenn einer doch einmal aus der Reihe fällt, wie seinerzeit Sarkozy, als er darüber spottete, dass in Schulen so alte, abwegige Texte wie „La Princesse de Clèves“ gelesen würden, wird ihm das übelgenommen.

Auch Emmanuel Macron erzählt von sich die Geschichte eines französischen Bildungsromans, eines Präsidenten, dem Literatur schon als Kind wichtig und Lebensorientierung gewesen sei. Dem der Vater, ein Arzt aus der nordfranzösischen Provinz, Grundlagen des Altgriechischen vermittelte. Und der täglich seine Großmutter besuchte, um Molière und Racine, aber auch Mauriac, Giono und Giraudoux auswendig aufzusagen. „Ich lebte durch die Texte und die Worte“, sagt Macron, der als Präsidentschaftskandidat in Lyon vor Zehntausenden die „Feuillets d’Hypnos“ von René Char zitierte wie Pompidou einst Éluard.

Es wäre allerdings abwegig, in jedem Franzosen einen Literaten oder auch nur einen Leser sehen zu wollen. Auch in Frankreich lässt die symbolische Wertigkeit literarischer und philosophischer Ausbildung nach. Eltern schicken ihre Kinder lieber in den mathematischen Zweig des Gymnasiums als in den sprachlichen; die Ingenieurhochschulen genießen das höhere Ansehen. Dennoch gilt die Vertrautheit mit literarischer Tradition nach wie vor etwas. Das liegt nicht zuletzt an der Herausforderung durch die Sprache selbst. Französische Orthographie ist so kompliziert, dass auch Muttersprachler damit ringen, weshalb „gutes Französisch“ zu beherrschen als soziales Grundkriterium gilt. „Il parle bien le français“ ist ein Kompliment, das man häufig hört. Wer würde dagegen sagen: „Er spricht gut Deutsch“?

Die Kunst der Konversation, sie ist noch immer ein urfranzösisches Ding. Kommt man zusammen, gilt es, anders als bei uns, nicht unbedingt als schicklich, über Persönliches zu sprechen, während Religion oder Politik zu viel Streitpotential bergen. Also redet man über Drittes, und das ist häufig die Literatur oder der Film. Madame de Staël, die Verbannte, gefragt, wonach sie Heimweh habe, wenn sie an Frankreich denke, kam auf diese Kunst, in der die Kunst allemal eine Rolle spielt, zu sprechen: „Miteinander zu plaudern ist ein Vergnügen, das die Franzosen nirgends in dem selben Grade antreffen als bei sich.“

Aber längst steht auch im französischen Literaturbetrieb nicht mehr alles zum Besten. Buchhandlungen verwandeln sich in Warenhäuser für immer mehr Sinnfreies. Und nach wie vor dominieren einige wenige Verlage, die „Galligrasseuil“ genannte Dreierbande, den Markt und betreiben skrupelloses Lobbying. Die Vercliqung von Literaturkritik, Literaturförderung und Literaturverkauf ist der räumlichen Nähe geschuldet. Alle sitzen in Saint-Germain-des-Prés aufeinander und kennen sich seit Jahrzehnten.

Nicht zuletzt deshalb ist es ein Fanal, dass Frankreich die Einladung aus Frankfurt nicht etwa zum Anlass genommen hat, das literarische Frankreich auf der Messe zu präsentieren, sondern die französischsprachige Welt der Literatur. Damit hat man das nationalstaatlich angelegt Gastlandkonzept so elegant wie subtil unterwandert. Und so wie Französisch in mehr als achtzig Nationen von mehr als zweihundertzwanzig Millionen Menschen gesprochen wird, ob als Mutter- oder als Wahlsprache, stammt eine Vielzahl der hundertachtzig in Frankfurt anwesenden auf Französisch schreibenden Autorinnen und Autoren eben nicht aus Frankreich, sondern aus der Schweiz und aus Luxemburg, aus Kanada und Algerien, aus Haiti, Kongo, aus Iran, Kambodscha, Indien. Schöner kann man Derridas Diktum nicht beherzigen, wonach eine Sprache niemandem gehöre, schon gar nicht einer Nation.

Quelle: F.A.Z.

Related Posts

Einen Kommentar hinzufügen